Einer der häufigsten Irrtümer lautet, die ESPR habe ein einziges Datum, an dem der digitale Produktpass „scharf geschaltet" wird. Das ist nicht der Fall. Der DPP wird produktkategorienweise verpflichtend, über einzelne delegierte Rechtsakte, typischerweise zwischen 2028 und 2031 – Batterien fallen dagegen unter eine vollständig eigene Verordnung, bereits ab dem 18. Februar 2027. Dieser Artikel geht Kategorie für Kategorie durch, was wann verpflichtend wird und wie Sie heute mit der Vorbereitung beginnen.
Was ist die ESPR, und warum gibt es keinen einheitlichen „DPP-Schalter"?
Die ESPR – die Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, (EU) 2024/1781 – ist am 18. Juli 2024 in Kraft getreten. Sie ist allerdings eine Rahmenverordnung: Für sich genommen stellt sie an kein einziges Produkt konkrete Anforderungen und enthält auch nicht die Datenfelder des Passes. Die eigentlichen Pflichten – darunter, ob ein bestimmtes Produkt überhaupt einen DPP benötigt und wenn ja, mit welchen Daten – werden in produktgruppenspezifischen delegierten Rechtsakten festgelegt. Deshalb gibt es kein einheitliches, EU-weites „DPP-Go-live": Die Pflichten kommen Kategorie für Kategorie. Wenn noch unklar ist, was der Produktpass überhaupt ist, beginnen Sie mit unserem Einsteiger-Leitfaden.
Der ESPR-Arbeitsplan 2025–2030: die sechs Prioritäten
Die Kommission hat den ersten ESPR-Arbeitsplan 2025–2030 am 16. April 2025 angenommen – die offizielle Fundstelle ist die Mitteilung COM(2025) 187 final. Es handelt sich um ein Planungsdokument (nicht um die verbindliche Rechtsvorschrift selbst), das benennt, welche Produktgruppen die Kommission zuerst angeht. Es legt sechs Prioritäten fest:
- Eisen und Stahl – Zwischenprodukt
- Aluminium – Zwischenprodukt
- Textilien und Bekleidung – Endprodukt (der Schwerpunkt liegt auf Bekleidung)
- Möbel – Endprodukt
- Reifen – Endprodukt
- Matratzen – Endprodukt
Daneben laufen die Arbeiten an rund 14 „Altbestands"-Produktgruppen mit Energiebezug weiter, und es kommen auch horizontale (übergreifende) Maßnahmen hinzu: ein Reparierbarkeits-Score über mehrere Produktgruppen hinweg sowie Anforderungen an Recyclingfähigkeit / Rezyklatanteil für Elektro- und Elektronikgeräte (indikativ 2027–2029). Schuhe wurden erwogen, sind vorerst jedoch zurückgestellt. Der Arbeitsplan sieht eine Halbzeitüberprüfung im Jahr 2028 vor, die neue Produktgruppen ergänzen oder bestehende neu priorisieren kann.
Zeitplan nach Kategorien: Wann wird der DPP verpflichtend?
Der Beginn einer DPP-Pflicht hat zwei Komponenten: (1) wann der delegierte Rechtsakt für die jeweilige Kategorie angenommen wird, und (2) wie viel Übergangszeit dieser Rechtsakt einräumt, bevor die Anforderungen tatsächlich gelten. Die Tabelle unten bildet beides ab. Wichtig: Jede angegebene Jahreszahl ist ein indikativer, unverbindlicher Planungswert der Kommission. Rechtlich verbindliche Termine entstehen erst mit der Annahme der einzelnen delegierten Rechtsakte – Stand Anfang Juli 2026 (Redaktionsschluss) ist noch kein einziger produktspezifischer delegierter ESPR-Rechtsakt angenommen worden, und gegenüber früheren Schätzungen sind Verzögerungen sichtbar. Auf diesem Zeitplan beruht die Antwort auf die Frage, „wann der DPP verpflichtend ist".
| Produktgruppe | Delegierter Rechtsakt – indikative Annahme | DPP – erwarteter Pflichtbeginn | Typ |
|---|---|---|---|
| Eisen und Stahl | ~2026 | ~2028 | Zwischenprodukt |
| Textilien / Bekleidung | ~2027 (manche Quellen nennen Ende 2026) | ~2028–2029 | Endprodukt |
| Reifen | ~2027 | ~2029 | Endprodukt |
| Aluminium | ~2027–2028 (Quellen widersprechen sich) | ~2029–2030 | Zwischenprodukt |
| Möbel | ~2028 | ~2030 | Endprodukt |
| Matratzen | ~2029 | ~2030–2031 | Endprodukt |
| Halbzeitüberprüfung | 2028 | — | neue Gruppen können hinzukommen |
Die Spalte „DPP – erwarteter Pflichtbeginn" ist eine abgeleitete Schätzung (Annahmejahr + Übergangsfrist), kein offizielles Datum. Angesichts der bislang beobachteten Verzögerungen verschieben sich die tatsächlichen Termine eher nach hinten als nach vorn.
Was ist ein delegierter Rechtsakt, und was bedeutet die ~18-monatige Übergangsfrist?
Ein delegierter Rechtsakt ist das Rechtsinstrument, in dem die Kommission – ermächtigt durch die Rahmenverordnung – Kategorie für Kategorie die konkreten Ökodesign-Anforderungen und den Inhalt des digitalen Produktpasses festlegt: welche Datenfelder verpflichtend sind, auf welcher Zugriffsebene und auf welchem Datenträger. Mit anderen Worten: Das eigentliche „DPP-Regelwerk" Ihrer Branche finden Sie nicht in der ESPR selbst, sondern in dem delegierten Rechtsakt, der für Sie gilt.
Die ESPR verlangt, dass jeder delegierte Rechtsakt mindestens 18 Monate Übergangszeit zwischen Inkrafttreten und tatsächlicher Geltung einräumt – in der Praxis sind es oft 18–24, manchmal sogar 36 Monate. Das ist die „Schonfrist", in der Hersteller und Importeure die Compliance erreichen müssen. Daraus folgt die Faustregel: Annahmejahr des delegierten Rechtsakts + rund 18–24 Monate ergibt den frühesten realistischen Pflichttermin für den DPP. Deshalb landet der DPP für Eisen und Stahl bei etwa 2028, während Matratzen eher bei 2030–2031 liegen. Wenn jemand für ESPR-Produkte einen „digitalen Produktpass 2027" verspricht, meint er fast sicher Batterien – dazu unten mehr.
Was genau bedeutet „verpflichtend"?
„Verpflichtend" bedeutet hier rechtlich, dass die Compliance – einschließlich eines gültigen DPP, wo der delegierte Rechtsakt ihn verlangt – eine Voraussetzung für das Inverkehrbringen des Produkts auf dem EU-Markt ist. „Inverkehrbringen" bedeutet die erstmalige Bereitstellung des Produkts auf dem EU-Markt im Rahmen einer Geschäftstätigkeit (entgeltlich oder unentgeltlich). Nach dem Geltungsbeginn darf ein Produkt ohne DPP (oder mit einem fehlerhaften DPP) in der gesamten EU nicht rechtmäßig in Verkehr gebracht werden. Einige praktische Folgen:
- Die Pflicht trifft den verantwortlichen Wirtschaftsakteur: den Hersteller, den Importeur oder den Bevollmächtigten.
- Die Durchsetzung erfolgt durch die Marktüberwachungsbehörden und den Zoll – der Zoll kann bei der Einfuhr prüfen, ob ein ausreichender Pass vorliegt.
- Produkte, die vor dem Stichtag bereits rechtmäßig in Verkehr gebracht wurden, müssen in der Regel nicht nachträglich mit einem Pass ausgestattet werden – prüfen Sie aber immer den genauen Wortlaut zum Bestandsschutz („grandfathering") im jeweiligen delegierten Rechtsakt.
Batterien fallen unter eine eigene Verordnung – und früher
Batterien sind nicht Teil des ESPR-Arbeitsplans: Sie werden von der eigenständigen EU-Batterieverordnung, (EU) 2023/1542 erfasst, die einen eigenen, früheren Zeitplan mitbringt. Der Pflichtbeginn für den digitalen Batteriepass ist der 18. Februar 2027 – unmittelbar geltend in allen 27 Mitgliedstaaten, ohne nationale Umsetzung.
Da der Anwendungsbereich häufig missverstanden wird, lohnt sich Präzision: Der Pass ist verpflichtend für jede EV-Batterie (unabhängig von der Kapazität), jede LMT-Batterie (leichte Verkehrsmittel) und jede Industriebatterie über 2 kWh. Die Schwelle von 2 kWh gilt nur für Industriebatterien – viele Quellen schreiben fälschlich „EV > 2 kWh", was irreführend ist. Die wichtigsten Batterietermine:
| Datum | Pflicht |
|---|---|
| 2027-02-18 | Batteriepass verpflichtend (EV, LMT, Industriebatterien >2 kWh) |
| 2027-08-18 | Sorgfaltspflichten in der Lieferkette beginnen – durch die Verordnung (EU) 2025/1561 vom 18. August 2025 verschoben |
| 2028-08-18 | Erklärung zum Rezyklatanteil (Co, Pb, Li, Ni) für EV-/SLI-/Industriebatterien >2 kWh |
| 2031-08-18 | Alleestschwellen für den Rezyklatanteil: Kobalt 16 %, Blei 85 %, Lithium 6 %, Nickel 6 % |
Die Erklärung zum CO₂-Fußabdruck ist nach Batterietyp gestaffelt (EV-Batterien sollten den Anfang machen), doch weil der delegierte Rechtsakt zur Berechnungsmethodik verzögert ist, verschiebt sich der tatsächliche Beginn. Die vollständige Liste der Batterie-Datenfelder, die Zugriffsebenen und den Zeitplan der Schwellenwerte stellen wir in unserem Artikel zum Batteriepass und bei unserer Batterie-Lösung dar.
Wo steht der Prozess Mitte 2026?
Zum Redaktionsschluss (9. Juli 2026) stellt sich die Lage wie folgt dar:
- Bislang wurde kein einziger produktspezifischer delegierter ESPR-Rechtsakt angenommen. Eisen/Stahl und Textilien befinden sich in der Vorbereitungs- bzw. Konsultationsphase – die DPP-Inhaltsstudien der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) entstanden im Frühjahr 2026 (Stahl im März, Textilien im Mai), eine Konsultation zum DPP-Inhalt für Stahl fand um den April herum statt.
- Der erste Rechtsakt (Stahl) hat sich von früheren Schätzungen für Ende 2025 auf 2026 verschoben – die Verzögerung ist also bereits sichtbar und für die übrigen Kategorien ebenso plausibel.
- Das zentrale EU-DPP-Register (Artikel 13 der ESPR) ging am 20. Juli 2026 in Betrieb, auf Grundlage der Durchführungsverordnung (EU) 2026/1778 – die Registrierungspflicht für Unternehmen kommt allerdings später, Kategorie für Kategorie (zuerst Batterien, ab 2027). Hinweis: Dieses Register ist ein Index bzw. Verzeichnis, kein Datenspeicher – der Inhalt des Passes verbleibt beim Hersteller. Details: Das EU-DPP-Register ist live.
Wie Sie sich ab sofort vorbereiten
Auch wenn die meisten Pflichttermine „fern" wirken: Die Datenerhebung und das Ordnen Ihrer Lieferkette dauern Monate, teils Jahre. Konkrete Schritte:
- Bestimmen Sie Ihre Kategorie und den frühesten realistischen Termin. Sehen Sie in der Tabelle oben nach, unter welche Priorität Sie fallen, und wenden Sie die Regel „Annahme + 18–24 Monate" an.
- Erstellen Sie eine Dateninventur. Was wissen Sie heute über Ihr Produkt in Bezug auf Materialzusammensetzung, Herkunft, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit und CO₂-Fußabdruck – und wo sind die Lücken? Die genaue Feldliste kommt aus dem delegierten Rechtsakt, doch die zentralen Stammdaten werden in jeder Fassung gebraucht.
- Bringen Sie Ihre Lieferantendaten in Ordnung. Ein großer Teil der DPP-Felder (Material, Herkunft, Zertifikate) stammt von Lieferanten – es lohnt sich, diese schon jetzt zu erheben und ihre Bereitstellung vertraglich festzuschreiben.
- Wählen Sie Datenträger und Identifikator. Für den Verbraucherzugriff ist der QR-Code / Data Matrix derzeit der einzige zugelassene Datenträger, mit einer GS1-Digital-Link-URI; darum geht es in unserem Artikel zu QR und GS1 Digital Link.
- Gehen Sie branchenspezifisch in die Tiefe. Wenn Sie in der Textilbranche tätig sind, beginnen Sie mit unserem DPP-Leitfaden für die Textilindustrie und unserer Textil-Lösung.
- Arbeiten Sie eine Checkliste ab. Um Schritt für Schritt voranzukommen, nutzen Sie unsere Vorbereitungs-Checkliste.
Die Veridyn-Plattform ist genau darauf ausgelegt, diese Vorbereitung zu beschleunigen: strukturierte, maschinenlesbare Pässe, QR-basierter Verbraucherzugriff und Versionsverfolgung. Sehen Sie sich unsere Tarife an, legen Sie ein Konto an oder vereinbaren Sie ein Beratungsgespräch, wenn Sie nicht sicher sind, welche Kategorie Sie wann betrifft.
Zusammenfassung
Die ESPR-Fristen sind kein einzelner Termin, sondern ein Zeitplan, der sich Kategorie für Kategorie entfaltet: Die Rahmenverordnung gilt seit 2024, die delegierten Rechtsakte für die sechs Prioritäten stehen indikativ zwischen 2026 (Eisen/Stahl) und 2029 (Matratzen) an, und der tatsächlich verpflichtende DPP greift – dank der Alleestübergangsfrist von 18 Monaten – typischerweise zwischen 2028 und 2031. Der einzige Termin, der heute belastbar und nah ist, ist die Batteriepass-Pflicht zum 18. Februar 2027, die auf einer eigenen Verordnung beruht. Die sichere Strategie: Warten Sie nicht auf den letzten Termin – bringen Sie Ihre Daten und Ihre Lieferkette rechtzeitig in Ordnung.